Mit Köpfchen fahren

Blaster

Member
Hallo zusammen,

ich möchte heute, eine in loser Reihenfolge erscheinende Serie starten, die sich mit dem Thema Fahrsicherheit beschäftigen soll.
Dabei soll es weniger um die (hoffentlich) schon bekannten Themen, wie das richtige Bremsen oder die sichere Kurvenlinie etc. gehen, sondern ich möchte mich etwas mehr auf die Mensch-Maschine Schnittstelle konzentrieren und warum Fahrphysikalisch so viel brachliegendes potential in der geistigen Ruhe und Leistungsfähigkeit des Menschen und des Motorrades liegt.



Grundsätzliches

Motorradfahren ist ein stetiges Zusammenspiel von Physik, Technik und Mensch.
Die Physik ist ein Naturgesetz, dieses ist unveränderlich und jeder Fahrer muss sich bewusst darüber sein, dass diese Grenzen nicht überschritten werden dürfen.
Die Technik muss in einem guten Zustand sein. Auch das Bewusstsein über eine gute und funktionierende Technik hat Einfluss auf die spätere Fahrt.
Die Physis (körperliche Beschaffenheit) ist zum größten Teil dafür Zuständig, ob wir unseren Motorradtag genießen und in evtl. außergewöhnlichen Situationen überhaupt handeln können.
Die Psyche (Gesamtheit des menschlichen Fühlens, Empfindens und Denkens) ist die Schaltzentrale zwischen dem „Gewollten“ (Wunschdenken) und der Technik (Motorrad und Fahrphysik)




Fangen wir an mit einer typischen Kurvensituation, die wahrscheinlich schon jeder von uns erlebt hat:

Wir fahren auf eine Kurve zu und denken / fühlen irgendwann am Anfang des Kurvenverlaufs - Mist, ich bin zu schnell.

Für dieses Problem gibt es diverse Lösungsansätze.
Gas zumachen ist einer der am häufigsten gewählten Mittel, danach folgt das Bremsen. Wenige versuchen die Situation durch ziehen der Kupplung zu entschärfen.
Nur die Allerwenigsten versuchen mehr Schräglage einzunehmen.


Wie kommt es nun zu dieser Reihenfolge?
Hier müssen wir uns erstmal klarmachen, warum wir den Eindruck haben in der Kurve zu schnell zu sein. Wir haben den Eindruck weil wir uns an der psychischen Schräglaglagengrenze bewegen.

Moderne Motorräder mit aktueller Technik (Reifen, etc.) können problemlos Schräglagen jenseits der 60 Grad fahren, wenn alle Bedingungen stimmig sind (Fahrbahnbeschaffenheit, Reifenzustand, etc.).
Aber wie sieht es mit unserem „Kopf“ aus, wie viel Schräglage kann unsere Psyche zulassen?
Diese Größe ist variabel und hängt von vielen Faktoren ab.

Eine der wichtigsten Faktoren ist das Training.
Wir Menschen sind evolutionär betrachtet Läufer.
8 bis 10 km/h und eine „Schräglage“ von 8 bis 12 Grad sind uns quasi angeboren.
Alles was darüber hinaus geht ist Training.
Wir sind schlicht nicht geschaffen für Geschwindigkeit jenseits der 100 km/h und Schräglagen von 60 Grad!

Schräglagen-„Angst“ ist mit der Höhenangst vergleichbar. Denn auch die Gewöhnung an die Höhe wurde uns nicht in die Wiege gelegt, wir sind ja keine Vögel.
Als Kinder konnten wir Problemlos auf Bäume klettern, uns war damals die Höhe egal. Viele von Euch kennen wahrscheinlich die „Altershöhenangst“. Wobei Angst eigentlich durch Entwöhnung ersetzt werden müsste. Heute wäre uns sehr mulmig auf dem gleichen Baum unserer Kindheit.
Ich hatte noch vor 2 Jahren Höhenangst, konnte aber durch das Hallenlklettern meine Angst vor der Höhe überwinden. Ich bin nicht Angstfrei, aber es wird immer besser. Ich trainiere meine Gewöhnung an die Höhe.

Übertragen auf die gefahrene Schräglage bedeutet dies. Wir müssen Schräglage trainieren, um uns in Kurven wohl zu fühlen. Überschreiten wir unsere Schräglagen-Komfortzone fühlen wir uns unwohl.
Hinzu kommt, dass man eigentlich nie weiß, wie viel Schräglage man aktuell fährt.

Wie wichtig ist denn nun in einer Gefahrensituation oder in der oben beschrieben Kurvensituation die mentale „Schräglagenfreiheit“?
Viel wichtiger als viele glauben!

Die meisten Unfälle in einer Kurve passieren nicht durch zu viel Schräglage (Verlust der Haftung), sondern durch zu wenig Schräglage (abkommen von der Fahrbahn durch falsche Reaktionen auf die „Gefahr“).

In den nächsten Folgen möchte ich genau diesen Ansatz aufgreifen und erläutern, warum auch für die Fahrphysik die mentale Schräglage so wichtig ist, wie wir unsere Komfortzone verbessern können und warum fahrphysikalisch das ein oder andere antrainierte Handlungsmuster kontraproduktiv sein kann. Was müssen wir an unseren Handlungsmustern verändern?



Grüße
Blaster
 
Zuletzt bearbeitet:
So hab ich das noch nicht betrachtet!
Bin auch gespannt was da noch kommt:001:
 
Teil 2

Im 2. Teil will ich einmal beleuchten, warum die im ersten Teil angesprochenen Reaktionen für eine flüssige Kurvenfahrt kontraproduktiv sind.

Bevor es weiter geht, möchte ich aber kurz auf eine Problematik eingehen die dieses Thema inne hat, damit nachher nicht alle sagen „aber Du hast ja gesagt“ ;-)
Nicht alle Probleme auf dem Motorrad lassen sich über eine Vergrößerung der mentalen Schräglage lösen und wenn die mentale Schräglage größer ist wie die Schräglagenfähigkeit des Motorrades inkl. seiner Reifen, kann es auch zu erheblichen Fahrproblemen bis hin zum Sturz führen!!!!
Hier ist, wie immer im Leben, der gesunde Menschenverstand gefragt.


Greifen wir zunächst das einfache und schon hundertfach erlebte Kurvenereignis aus dem ersten Teil wieder auf und spielen die drei Verhaltensmuster (Vom Gas gehen, Bremsen, Kupplung ziehen) fahrphysikalisch einmal durch. Hinzufügen möchte ich jedoch noch, dass in dem o.g. Beispiel keineswegs an dem Schräglagenlimit des Motorrades gefahren wird! Wir nehmen mal eine Schräglage von 50% des machbaren an.

Was passiert, wenn ich diese drei Muster anwende, mit meinem Motorrad.


Fahrer geht vom Gas (in Schräglage)

Die Reaktionen auf dieses Manöver können Abhängig vom gewählten Gang, bzw. von der anliegenden Drehzahl sehr unterschiedlich sein. Je kleiner der gewählte Gang, je höher die Drehzahl, desto größer ist die Reaktion (Lastwechselraktion) auf das zudrehen des Gasgriffes. Viele Fahrer fahren bewusst im kleinen Gang um am / zum Ende der Kurve ordentlich herausbeschleunigen zu können. Kommen diese Fahrer an ihre mentale Schräglagengrenze kann dieses Handlungsmuster fatale folgen haben. Was passiert:

Wenn der Gasgriff zugedreht wird, taucht über das Bremsmoment die Vorderradgabel ein. Das ist, glaube ich, jedem bewusst. Wenn aber die Vorderradgabel vorne eintaucht, sind sich die wenigsten Fahrer bewusst darüber, dass das hintere Federbein austaucht und damit das Hinterrad entlastet wird.
Im zu kleinen Gang verliert man sehr schnell an Geschwindigkeit, sodass der Fahrer irgendwann im Verlauf der Kurve wieder das Gas öffnen muss.
Je nachdem wie stark jetzt am Gashahn gezogen wird, kann das Hinterrad ausbrechen, weil im Moment der Gasannahme das Hinterrad je nach Fahrzeugtyp stark entlastet ist und das Motorrad sich in Schräglage befindet.
OhneGas.jpg
Fahrer geht vom Gas, Vorderradgabel taucht ein, Hinterrad wird entlastet.

mitGas.001.jpg
Fahrer gibt Gas, Vorderrad wird entlastet, Hinterradfederung taucht ein.


Hinzu kommt, wenn bei der Gasannahme die Lastwechselreaktion wieder Richtung Hinterrad wandert, habe ich ein immer weniger belastetes Vorderrad. Die Problematik verlagert sich also je nach Gasstellung von hinten nach vorne bzw. umgekehrt.
Überhaupt nicht berücksichtigt sind dabei miserable Asphaltbedingungen wie Wasser, Dreck, etc. die die negativen Momente dieser Fahraktion nach verstärken.
In den allermeisten Fällen geht dieses Manöver gut, aber der liebe Gott hat einen harten rechten Haken.
Ihr kennt das vielleicht, in einer Gruppe fahren 5 Fahrer problemlos durch eine Kurve, der 6. stürzt. Nach dem Unfall suchen alle die glatte Stelle, auf der der 6. Fahrer ausgerutscht ist. Keiner findet sie. Eine der Unfallursachen kann neben einem schlechten Reifen aber eben auch eine zu starke Lastwechselraktion oder eine Kombination aus beidem sein.

Und warum das ganze „gehampel“ in der Kurve?
Die mentale Schräglage war nicht groß genug. Der Fahrer hat zu früh und falsch reagiert, weil ihm sein Kopf mitgeteilt hat, dass er zu schnell in der Kurve unterwegs ist, obwohl fahrphysikalisch noch jede Menge Luft gewesen wäre.

Hinzu kommt ein nicht unwichtiger Punkt. Die Konzentration auf das wesentliche geht verloren. Ich muss mich gerade darum kümmern, in meiner Schräglagenkomfortzone zu bleiben. Das wichtigste, die Kurve, habe ich mental aus den „Augen“ verloren.
Nun werden auch die Fahrer langsam die eigentlich durch ihr „sportliches“ Fahren (kleiner Gang = schnelles herausbeschleunigen aus der Kurve) schnell sein wollten.
Die Kurve ist keine Kurve mehr, sondern ein Vieleck.

Warum ist die mentale Schräglagenfreiheit für dieses Verhaltensmuster verantwortlich?
Wir bekommen von unserem Kopf das Signal - Du bist zu schnell
Die logische Konsequenz daraus ist, Gas wegnehmen.
Das blöde an dieser Handlung ist, es ist ein Reflex.
Reflexe können nicht beeinflusst werden. Ihr kennt das vielleicht, wenn etwas vom Tisch fällt.
Wir strecken reflexartig die Hand nach dem fallenden Gegenstand aus. Zum Nachdenken blieb keine Zeit. Bei einer reflexartigen Handlung geht in unserem Kopf eine Schublade auf, das Programm darin wird abgespielt und kann nicht beeinflusst werden. So einen Reflex können wir während der Kurvenfahrt überhaupt nicht gebrauchen!
 
Teil 2.2

Widmen wir uns dem nächsten Handlungsmuster, dem Bremsen in der Kurve.
Hier müssen wir uns separat die Vorderrad- bzw. Hinterradbremse anschauen.

2. Bremsen in Schräglage (Vorderradbremse)

Bewusstes Bremsen in Schräglage ist kein Problem, wenn man so bremst, wie Igel liebe machen. Gaaanz vorsichtig!
Gefühlloses reflexartiges Bremsen in Schräglage kann aber zu vielen Problemen führen.

Problem 2.1 - Das Aufstellmoment
Jedes Motorrad hat ein Aufstellmoment. Moderne Reifen und Fahrwerke haben zwar schon vieles eliminiert, aber gelöst ist das Problem nicht. Da macht uns die blöde Physik mal wieder einen Strich durch die Rechnung. Versierte Fahrer kennen und rechnen mit dem Aufstellmoment ihres Motorrades. Aber auch für versierte Fahrer bleibt die stärke des Aufstellmomentes immer ein wenig überraschend, weil ein Kriterium für das Aufstellmoment die aktuell gefahrene Schräglage ist. Die kennt aber keiner wirklich genau.

Eigentlich ist das Aufstellmoment an sich kein Problem, einfach den Lenker an der Kurveninnenseite etwas nach vorne schieben, schon ist alles wieder gut. Aber was passiert mit unserem Blick? Der wandert aufgrund des Aufstellmomentes in die Richtung in die sich das Motorrad aufstellt. Blöderweise ist das die kurvenäußere Seite.
Jetzt kann man alle bekannten Sprüche zitieren, Guckst Du Scheiße fährst Du scheiße, Wo man hinschaut fährt man hin etc.
Stimmt leider.
Was dann meistens in unserem Kopf passiert, darauf gehe ich zu einem späteren Zeitpunkt ein, das Stichwort ist hier - „Überlebens Reaktionen“



Problem 2.2 - Die Bremsdosierung

Je schräger das Motorrad durch die Kurve fährt, desto weniger dürfen wir bremsen (Kammscher Kreis). Auch hier bleibt, wie immer, die Ungewissheit für uns, wie viel Schräglage fahre ich gerade.
KTM löst dieses Problem technisch für uns in der neuen KTM Adventure. Dieses Bremssystem macht im Grunde nichts anderes als, abhängig von der gefahrenen Schräglage, den Bremsdruck zu dosieren - egal wie stark wir in den Bremshebel greifen.
Wer keine KTM fährt, muss also die Bremse so dosieren, das das Vorderrad nicht überbremst wird. Genau dieses Wissen / diese Angst lässt uns innerlich „steif“ werden. Unsere Reaktion auf diesen Vorgang sind sehr unterschiedlich und stark von der Fahrerfahrung des Fahrers abhängig.



Problem 2.3 - Kanalkapazitätsbegrenzung

Haben wir schon unsere mentale Schräglagenkomfortzone verlassen, weil wir für unseren Kopf zu schräg durch die Kurve fahren, ist eigentlich kein Raum mehr, um weitere Dinge „ordentlich“ zu erledigen. Jetzt hat uns aber der Kopf „erzählt“ wir müssen etwas machen um in die Komfortzone zurück zu gelangen. Wir fangen an zu Bremsen oder gehen vom Gas.
Nun gelangen wir automatisch in einen Zustand der „Überforderung“, weil nicht mehr genügend Informationen in dosierte Handlungen umgewandelt werden können. Dieses Phänomen wird auch als Kanalkapazitätsbegrenzung beschrieben.
Dieser Begriff kommt eigentlich aus der Informationstechnik und beschreibt Engpässe in einem Informationskanal. In unserem Fall der „Kanal“ zwischen einer Kopfgesteuerten bewussten Handlung und der Handlung selbst.
Die ausgeführte Handlung wird weniger sensitiv, weil wir keinen Raum mehr haben (begrenzter Informationskanal) um entsprechende Rückmeldungen, wie etwa eine zu starke Bremsdosierung, zu verarbeiten. Ist die Dosierung der Bremse zu stark, kommen wir immer mehr in Schwierigkeiten.



3. Bremsen in Schräglage - Hinterradbremse

Die Hinterradbremse wird gerne in Kurvenfahrten genutzt, weil „auf“ der Hinterradbremse das Aufstellmoment nicht vorhanden ist. Soweit so gut.
Aber wie sieht es mit der Dosierung aus, wo hat man mehr Gefühl für die Bremse. In der Hand oder im Fuß? - Diese Frage könnt Ihr Euch selbst am besten beantworten.

Hinzu kommt, wenn der Fahrer vorher schon vom Gas gegangen ist, hat ein Radlastverschiebung nach vorne stattgefunden. Das Hinterrad hat weniger Anpressdruck und damit Grip.

Die Kombination von wenig Gefühl im Fuß und einer evtl. vorhandenen Radlastverschiebung nach vorne, macht auch eine Geschwindigkeitsanpassung über die Hinterradbremse im Zweifel zu einem gefährlichen Fahrmanöver.
4. Kupplung ziehen

Diese Variante zum wiedererlangen der Komfortzone wird leider am wenigsten genutzt. Wenn überhaupt kurz vor oder während der Bremsung mit dem Vorderrad.
Welche Nachteile hat man als Fahrer wenn die Kupplung gezogen wird? Um es einfach zu halten - Keine! Im Gegenteil, durch das ziehen der Kupplung erhöhe ich den Grip am Hinterrad, weil ich die Antriebskraft entfernt habe. (Danke Herr Kamm!)
Lastwechsel werden entfernt und das Motorrad hat eine gleichmäßige Kurvenlage.

Für all diejenigen, die behaupten, dass man schneller wird, wenn man die Kupplung zieht, sei gesagt, erst Kupplung ziehen dann vom Gas gehen ;-)
Anders herum heben wir das Bremsmoment (richtiger Ausgedrückt, das Schleppmoment) lediglich mit der Kupplung auf. Das wird vielfach als Beschleunigung wahrgenommen, was es aber definitiv nicht ist.
Als ich bei 320 km/h an der S1000RR die Kupplung gezogen habe, weil mir der Porsche Turbo davon gefahren ist, bin ich nicht schneller geworden!!! ;-)



Nachdem wir jetzt fahrphysikalisch herausgearbeitet haben, was überhaupt in der Kurve passiert, wenn wir die drei Handlungsmuster anwenden, schauen wir uns mal den Fahrer genauer an.
Was passiert in den o.g. Fahrzuständen mit uns bzw. was kann ich tun um erst gar nicht in diese Situation zu kommen?


Darauf werde ich im dritten Teil näher eingehen, weil der zweite Teil schon so lang geworden ist ;-)


Grüße
Blaster

P.S.
Bei Fragen einfach fragen ;-)
 
...... weil ihm sein Kopf mitgeteilt hat, dass er zu schnell in der Kurve unterwegs ist, obwohl fahrphysikalisch noch jede Menge Luft gewesen wäre.

Dem geneigten Zuschauer fällt vielleicht auf was der Kopf hier signalisiert..... https://www.youtube.com/watch?v=P8sv4c-R_5M&list=UUwff4Ml1KhMOWCGgnQ-InHQ oder auch https://www.youtube.com/watch?v=ShVN7c6t71o&list=UUwff4Ml1KhMOWCGgnQ-InHQ

Auf das ein oder andere gehe ich vielleicht später mal ein..... erst soll Stefan uns mal mit auf die Reise nehmen
 
Teil 3

Ich möchte im dritten Teil näher darauf eingehen, wie wir, beziehungsweise unser Kopf sich verhält, wenn wir an der Grenze unserer mentalen Fähigkeit durch eine Kurve fahren.


Nehmen wir uns für dieses Beispiel einen Punkt heraus, der für die Kurvenfahrt sehr wichtig ist - die Anfahrt zur Kurve. Bei der Anfahrt zur Kurve entscheidet sich meist wie gut, wie „schön“ und mit welcher Geschwindigkeit wir durch eine Kurve Fahren können.
Entscheidend für eine gute Einfahrt in die Kurve ist der mentalen Zustand vor der Kurve. Sind wir schon bei der Anfahrt zur Kurve zu schnell sind wir genauso schnell an der mentalen Leistungsfähigkeit unseres Kopfes und der reagiert mit einer „Schutzreaktion“ - dem frühen Einlenken - also weg vom bedrohlichen Kurvenäußeren.

Dies ist eine Folge der sog. „Survival Reactions“, also eine uns einprogrammierte „Überlebensreaktion“

Das ist aber nur die halbe Wahrheit.
In Wirklichkeit ist vorher schon etwas passiert, also zwischen dem Punkt der Wahrnehmung das man zu schnell ist und dem dem frühen Einlenken.


  1. Wir haben das Gas „zugemacht“
  2. Wir haben am Lenker gezogen bzw. gedrückt.
  3. Die Blickrichtung wandert zur Gefahr (In diesem Beispiel das Kurvenäußere)
  4. Feste Aufmerksamkeit (auf etwas - siehe Punkt 3)
  5. Lenkmanöver in Richtung der Aufmerksamkeit
  6. Meinst unkontrolliertes Bremsen
  7. Mentales Einfrieren - keine Aktionen mehr möglich



Diese 7 Reaktionen sind die „Survival Reactions“, die im Grunde, wenn auch nicht immer vollständig, automatisiert ablaufen, wenn wir in Probleme geraten. Egal ob in der Kurve oder auf der Geraden. Zu diesen sieben Punkten kommen jetzt noch die vorher Beschriebenen physikalischen Probleme hinzu.

Mann kann also sagen, wir haben ein echtes Problem am Hals.
Oft geht alles gut, weil man es irgendwie doch geschafft hat, die physikalischen und mentalen Grenzen einzuhalten, es war aber mehr als knapp.


Warum das alles?!
Die Auslöser für diese Reaktionen sind meist:

  • Zu schnell in die Kurve
  • falsche Linienführung
  • zu viel Schräglage (für unseren Kopf)
  • Äußere Einflüsse wie schmutzige Straßen, nasser Asphalt, etc.
  • Plötzlicher Vertrauensverlust in sein können und die Möglichkeiten der „Hardware“


Es hätte in unserem Beispiel gereicht, sagen wir mal, 4 km/h langsamer auf die Kurve zuzufahren.
4 km/h?! Ok - vielleicht auch 5 oder 6 km/h.
Ich möchte damit nur deutlich machen, der Grad zwischen der mentalen Glückseligkeit und der vollkommenen mentalen Überlastung, ist sehr sehr schmal.

4 km/h weniger und es finden keine „Survival Reactions“ mehr in unserem Kopf statt.
Wir können uns voll und ganz auf unsere Kurve konzentrieren.
Mehr noch, wir können so ganz nebenbei an unserer mentalen Schräglagenfreiheit arbeiten.


Wie das?
Ruhig fahren, gleichmässig fahren, „schöne“ und sichere Kurvenlinie fahren, natürlich über eine „perfekte“ Blickführung
Hört sich eigentlich ganz einfach an, ist es aber meistens nicht.

Wie schafft man das?

Ruhig fahren:
Fahrt mal ein wenig langsamer als sonst! - ungefähr die o.g. 4 km/h
Wenn Ihr glaubt, die Geschwindigkeit ist für diese Kurve angemessen, dann macht
nochmal den Gashahn ein kleines bisschen weiter zu.

Gleichmässiges Fahren:
Kurven im !!möglichst!! höchsten Gang fahren = wenig Lastwechselraktionen
Unter leichtem „Zug“ (minimales öffnen der Einspritzdüsen) fahren. Je weniger Zylinder desto wichtiger ist das.

Linie und Blickführung
Kurven außen fahren, Blick in Richtung Kurvenende, bzw. so weit wie ich in die Kurve sehen kann.
(Sehr schwer, aber DIE Grundlage zum Motorradfahren)
Ich lasse hier Bewusst, Details dazu weg, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.


Wenn das alles in Fleisch und Blut übergegangen ist, könnt Ihr langsam an der Geschwindigkeit schrauben und zwar nach oben. Ich will hier aus keinem einen Raser machen, aber wie schon im ersten Teil beschrieben, eine große mentale Schräglagenfreiheit, also die Gewöhnung an mehr Schräglage kann uns in Notsituationen helfen nicht im Kurvenäußeren zu landen, weil wir Angst haben, über zu viel Schräglage zu stürzen.

Man sollte sich aber unbedingt klarmachen:
Mentale Schräglagenfreiheit ist ein Sicherheitsgewinn!
Mann kann die zusätzlich erworbene Schräglage natürlich zum schnellen fahren nutzen, muss man aber nicht ;-)

Wichtig dabei ist, sehr Kleinteilig vor allem mit der Geschwindigkeit zu Arbeiten.
Minimale Erhöhungen und damit ein schrittweises Gewöhnen an etwas mehr Geschwindigkeit und Schräglage in der Kurve sind der Schlüssel hierzu.
Perfekt wäre es natürlich, wenn Ihr das an einem ruhigen Tag, auf einer Euch vertrauten Strecke immer wieder mal üben könntet. Wiederholungen schaden da nicht ;-)


Versucht mal in Euch hinzuhorchen und findet heraus, was Ihr so alles anstellt, wenn es gerade auf dem Motorrad brenzlig wird. Der eine malmt mit den Zähnen, der andere spielt mit der Zunge an seinen Lippen, wieder andere verkrampfen muskulär im Genick / Schulterbereich, etc. Da gibt es unzählige Varianten. Wenn Ihr für Euch herausfindet welche das sind, könnt Ihr auch früher auf ein angespannte Situation im Straßenverkehr reagieren.
Grund für diese Reaktionen - Ihr seid zu schnell für Euren Kopf!!
Mentaler Overflow


Für alle, die der englischen Sprache mächtig sind, habe ich noch einen Link.
In diesem Video werden einige der von mir aufgeführten Aspekte aufgenommen.
Auch werden hier, viele Fahrphysikalische Gegebenheiten, wie ich finde, genial erklärt.
Aber auch ohne der Sprache mächtig zu sein, lohnt es sich.
https://www.youtube.com/watch?v=KVWLIfChUwg

Ich hoffe Ihr habt Euch in dem ein oder anderen Beispiel wiedergefunden und könnt, wenn Ihr mögt, etwas von dem Umsetzen.



Ich wünsche Euch allen eine Unfallfreie Saison.
Wer fragen hat, immer her damit.

Grüße
Blaster
 
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